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Aktionsplan (10): Landesregierung bessert nach. Aktionsplan wird in Leichte Sprache übersetzt.

Das am 1. August 2012 neu eröffnete Übersetzungsbüro der Hannoverschen Werkstätten hat den Auftrag bekommen, den Regierungsentwurf des Landesaktionsplanes in Leichte Sprache zu übersetzen. Damit holt das Sozialministerium Versäumtes nach: die Einbeziehung einer großen Gruppe der Hauptpersonen, für die der zukünftige Landesaktionsplan Fortschritte bringen soll.

Von der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte (LAG:WR) und einigen Wohlfahrtsverbänden wurde die bisher versäumte Übersetzung als Missachtung des Gesetzes zum UNO-Übereinkommen über die Rechte behinderter Menschen kritisiert. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung titelte am 27.09.2012: „So schließt man Menschen aus.“

Viele Fachleute in den Verbänden und Werkstätten äußern sich erstaunt, dass das Sozialministerium seit Veröffentlichung des Aktionsplan-Entwurfes im Februar 2012 nicht frühzeitig die Initiative zur Übersetzung in Leichte Sprache ergriffen hatte. Dabei hat Ministerin Aygül Özkan selbst ausdrücklich hervorgehoben:

„Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass sich möglichst viele Menschen mit Behinderungen selbst zu Wort melden und als Expertinnen und Experten in eigener Sache ihre Vorstellungen, Vorschläge und Wünsche vortragen.“

Noch deutlicher schrieb es die Ministerin der LAG:WR-Vorsitzenden, Simone Bachmann, am 22. Mai 2012:

„Es ist mir ein großes persönliches Anliegen, Menschen mit Behinderung insbesondere bei den sie betreffenden Angelegenheiten zu beteiligen. Deshalb ist es wichtig und notwendig, dass Interessenverbände – wie der Ihre – Erfahrungen und Einschätzungen mitteilen und Wissen aus erster Hand einbringen und im Rahmen der beabsichtigten Reform der Eingliederungshilfe ihre Berücksichtigung finden.“

Wie aus Übersetzungsbüros für Leichte Sprache zu erfahren war, hielten viele es für völlig ausgeschlossen, ein 45-seitiges Dokument so kurzfristig zu übersetzen, dass es bis zum ursprünglich vom Sozialministerium vorgesehenen Anhörungstermin vorliegen kann: 10. Oktober 2012. Deshalb hat das Ministerium jetzt mit Schreiben vom 1. Oktober 2012 die ursprünglichen Anhörungstermine vom 10. bis 12. Oktober 2012 auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Doch auch der Endtermin für die schriftlichen Stellungnahmen per E-Mail, der 15. November 2012, scheint vielen Fachleuten als zu kurz angesetzt. Eine Terminverschiebung dafür hat das Sozialministerium jedoch bislang weder in seinem Veranstaltungskalender noch durch eine Presseerklärung bekannt gemacht.

Als eine besondere Herausforderung sehen es Vertrauenspersonen der Werkstatträte, den Wortlaut des Gesetzes zum UNO-Übereinkommen über die Rechte behinderter Menschen in Leichte Sprache zu übersetzen. Sie bemängeln, dass selbst die vom Bundesbeauftragten und der BMAS-Koordinierungsstelle herausgegebene Übersetzung (ab S. 39) keine verständliche Textwiedergabe des Gesetzes ist, sondern eine illustrierte Auslegung und Beschreibung. Dabei ist die Verständlichkeit und Wirkung solcher bildlichen Darstellungen unter Sprachexperten umstritten. Als interessante Lektüre dazu gilt der Kriterienkatalog zur Barrierefreiheit für Menschen mit kognitiven Einschränkungen: Von Bildzeichen, Wegweisern und Automaten …“.

Wichtige Kernbegriffe wie „Arbeitmarkt“, „Berufsausbildung“, „Einbeziehung“, „Gleichberechtigung“ oder „Zugänglichkeit“ werden in der Übersetzung der BMAS-Koordinierungsstelle gar nicht erwähnt. Die zentrale Definition von Behinderung als „Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren“ lässt sich in der Übersetzung nicht finden.

Einen interessanten Versuch, die Übersetzung in Leichte Sprache näher an den Originaltext zu rücken, hat das Deutsche Institut für Menschenrechte unternommen: „Ich kenne meine Rechte“ heißt deren Internetauftritt mit dem UNO-Übereinkommen in Leichter Sprache. Aber auch dieser Fassung gelingt es nicht, die besonderen Kernaussagen z. B. der Artikel 1 bis 5 leicht verständlich zu übersetzen. Vertrauenspersonen der Werkstatträte halten es aufgrund ihrer Erfahrungen für hilfreich, in schriftlichen Lehrmaterialien eine direkte Gegenüberstellung des offiziellen Wortlauts mit der Übersetzung in Leichter Sprache vorzunehmen.

Mit Spannung wird erwartet, wie das neue Übersetzungsbüro der Hannoverschen Werkstätten diese Herausforderung in der kurzen Zeit meistern wird.

89|2012

UN-BRK, UNO-Übereinkommen, Aktionsprogramm, Leichte Sprache, Aygül Özkan, einfache Sprache, verständliche Sprache

8. Oktober 2012 // Politik, Leichte Sprache