19Nov

BAGüS-Kennzahlenvergleich Eingliederungshilfe 2016

BAGüS-Kennzahlenvergleich Eingliederungshilfe 2016

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Sozialhilfeträger hat für 2016 wieder einen Kennzahlenvergleich der Eingliederungshilfe über alle Bundesländer erstellt und veröffentlicht.

Zentrale Ergebnisse des Kennzahlenvergleichs Eingliederungshilfe 2016 im Bereich Arbeit und Beschäftigung sowie Tagesförderstätten

Ende 2016 waren bundesweit knapp 307.500 Personen in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) beschäftigt oder besuchten eine Tagesförderstätte, das sind 2.450 Personen bzw. 0,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor, seit 2014 ist diese Zahl im Jahresdurchschnitt um 0,9 Prozent gestiegen. Im Arbeitsbereich der Werkstätten waren Ende 2016 insgesamt fast 272.500 Menschen beschäftigt, für die der Sozialhilfeträger Kostenträger ist, in den Tagesförderstätten insgesamt 35.000 Menschen.

Im Jahr 2016 waren knapp 272.500 Frauen und Männer mit Behinderung in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt, in Niedersachsen fast 28.000. Der Fallzahlzuwachs in den Werkstätten lag bundesweit bei 0,6 Prozent zum Vorjahr (2015: 0,9 Prozent). Seit 2007 hat sich die Zahl der Menschen, die im Arbeitsbereich einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen beschäftigt sind, im Durchschnitt jährlich um 2,2 Prozent erhöht, in Niedersachsen ebenfalls um 2,2 % und damit exakt im Bundesdurchschnitt. Die Dynamik des Fallzahlanstiegs geht seit 2008 bundesweit stetig zurück. Von 2006 bis 2012 stieg die Zahl der Menschen in Werkstätten jährlich um 3 bis 4 Prozent. Seit 2013 liegt dieser Wert unter 2 Prozent und beträgt in 2016 gegenüber dem Vorjahr nur noch 0,6 Prozent.

Der Anteil der sogenannten „Quereinsteiger“ bei den Zugängen in das Eingangsverfahren der WfbM beträgt ca. 46 Prozent (Unterstützte Beschäftigung, Erwerbsminderung, Arbeitslosigkeit, Langzeitkranke, aus anderen Maßnahmen anderer Reha-Träger, andere Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit). Der hohe Anteil der Menschen mit einer seelischen Behinderung von 42 Prozent bei den Aufnahmeberatungen in das Eingangsverfahren ist auffallend, vergleicht man ihn mit demjenigen der Beschäftigten im Arbeitsbereich der WfbM (19 Prozent).

Die Zahl der Leistungsberechtigten in Tagesförderstätten wächst 2016 bundesweit noch um 847 und damit um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Niedersachsen erhalten 2016 insgesamt 5.348 Berechtigte Leistungen in Tagesförderstätten, der Zuwachs von 2015 auf 2016 beträgt damit nur 1,1 %. Seit 2007 hat sich die Zahl der Leistungsberechtigten in Tagesförderstätten bundesweit zwar um durchschnittlich 5,7 Prozent jährlich erhöht, seit 2014 aber nur noch um 2,1 %, in Niedersachsen ist seit 2014 sogar ein Rückgang um – 2,6 % zu verzeichnen. Tendenziell gehen die jährlichen Zuwächse bundesweit zurück.

Die mittlere Dichte zeigt an, wie viele Menschen mit Behinderung pro 1.000 Einwohner/innen im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 65 Jahren Leistungen zur Beschäftigung in der Werkstatt oder der Tagesförderstätte erhalten. Die mittlere Dichte 2016 lag bei 6,0 Leistungsberechtigten pro 1.000 Einwohner/innen (18 bis unter 65 Jahre). Dieser Dichtewert ist mit einer Zunahme um 0,05 im Vergleich zum Vorjahr nahezu identisch geblieben. Der Dichtewert 2016 für Niedersachsen beträgt 6,8. In der Tendenz nimmt die Zuwachs-Dynamik bei den Dichtewerten für WfbM und Tagesförderstätten bundesweit ab, besonders deutlich ab 2013. Zum Vergleich: Von 2010 auf 2011 betrug die Steigerung der Dichte noch 0,22 - also viermal so viel wie zuletzt. Die Dichte der Leistungsberechtigten in Tagesförderstätten pro 1.000 Einwohner/innen im Alter von 18 bis unter 65 Jahren lag 2016 im Bundesdurchschnitt bei 0,68, in Niedersachsen 2016 bei 1,09.

Finanz-Ausgaben

Die Gesamtausgaben aller deutschen Sozialhilfeträger für Werkstatt-Leistungen betrugen 2016 insgesamt 4,3 Milliarden Euro, ein Plus von ca. 164 Millionen Euro oder 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Brutto-Ausgaben pro leistungsberechtigter Person im Arbeitsbereich der Werkstätten sind 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 504 Euro auf durchschnittlich 15.827 Euro angestiegen, das entspricht einer Steigerung von 3,2 Prozent. Für Niedersachsen lagen sie bei 15.566 Euro und damit etwas unter dem Bundesdurchschnitt, aber deutlich unter den Bruttofallkosten der westdeutschen WfbM mit im Mittel 16.738 Euro. Die Brutto-Ausgaben im Arbeitsbereich der WfbM beinhalten die Tagessätze (Vergütung/Entgelt) mit Grundpauschale, Maßnahmenpauschale und Investitionsbetrag gemäß § 76 SGB XII, Fahrtkosten, Sozialversicherung und Arbeitsförderungsgeld.

Die Tagessätze (Vergütung/Entgelt) pro leistungsberechtigter Person im WfbM-Arbeitsbereich in den westdeutschen Flächenländern liegen mit im Durchschnitt 12.818 Euro um rund 33 Prozent über den in den ostdeutschen Flächenländern mit im Mittel 9.308 Euro. Die durchschnittliche Vergütung/Tagessatz betrug in 2016 bundesweit 12.259 Euro pro Leistungsberechtigtem, im Vergleich zum Vorjahr ist diese um 397 Euro bzw. 3,1 Prozent gestiegen.

Die Ausgaben für Vergütungen machen den größten Anteil bei den Fallkosten aus. In 2016 entfielen im Mittel 77,5 Prozent der Brutto-Fallkosten auf Ausgaben für Vergütungen.

Die Brutto-Fallkosten im Arbeitsbereich der WfbM von durchschnittlich 15.827 Euro in 2016 setzen sich zusammen aus:

-       12.259 Euro für Vergütungen (77,5 %)

-       1.770 Euro Fahrtkosten (11 %)

-       1.598 Euro für Sozialversicherung (10 %)

Zu den Brutto-Fallkosten insgesamt bleibt eine Differenz von ca. 1,5 Prozent bzw. 200 Euro, die weitgehend durch das Arbeitsförderungsgeld gedeckt wird.

Für die Tagesförderstätten wurden im Jahr 2016 rund 808 Millionen Euro ausgegeben, ein Plus von ca. 44 Millionen Euro bzw. 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die durchschnittlichen Ausgaben pro leistungsberechtigter Person in den Tagesförderstätten haben sich 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Prozent (734 Euro) auf insgesamt 23.074 Euro erhöht, am stärksten in den Stadtstaaten (+1.185 Euro oder 4,4 Prozent) vor den westdeutschen Flächenländern (+ 710 Euro oder 3,1 Prozent) und den ostdeutschen Flächenländern (+359 Euro oder 1,8 Prozent), in Niedersachsen liegen sie 2016 bei 19.030 Euro und damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt sogar an vorletzter Stelle.

Die Brutto-Ausgaben für Werkstatt und Tagesförderstätte zusammen sind pro leistungsberechtigter Person im Vergleich zum Vorjahr um 3,3 Prozent oder 543 Euro auf 16.652 Euro (2015: 16.109 Euro) gestiegen. In den ostdeutschen Flächenländern liegen die durchschnittlichen Brutto–Ausgaben für diese zwei Einrichtungstypen mit 12.443 Euro um rund 25 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Die Brutto-Ausgaben für Werkstatt und Tagesförderstätte zusammen liegen in Niedersachsen in 2016 bei 16.121 Euro und damit etwas unter dem Bundesdurchschnitt.

Teilzeitbeschäftigung

Immer mehr Menschen mit Behinderung nehmen die Möglichkeit wahr, in der Werkstatt in Teilzeit zu arbeiten. Ihr Anteil ist jedoch im Vergleich zum Vorjahr im bundesweiten Schnitt unverändert. Zur Teilzeitbeschäftigung heißt es in der Werkstättenverordnung (§ 6 Absatz 2), dass „eine kürzere Beschäftigungszeit“ ermöglicht werden soll, ohne dass eine konkrete zeitliche Unter- oder Obergrenze angegeben wird. Durchschnittlich 11,6 Prozent der Beschäftigten im Arbeitsbereich der Werkstatt gehen einer Teilzeitbeschäftigung nach, was gegenüber 2015 unverändert geblieben ist, der Wert für Niedersachsen liegt in 2016 bei 11,4 Prozent.

Behinderungsformen

Knapp drei Viertel der Menschen in Werkstätten haben eine geistige Behinderung, ca. ein Fünftel eine seelische und 6,5 Prozent eine körperliche Behinderung. Seit 2010 ist der Anteil der Menschen mit einer geistigen Behinderung im Arbeitsbereich der Werkstatt um einen Prozentpunkt von 74,7 auf 73,7 Prozent zurückgegangen (Basis: Angaben von 18 überörtlichen Sozialhilfeträgern). Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Menschen mit einer seelischen Behinderung von 17,8 auf 19 Prozent. Unverändert blieb mit 6,5 Prozent die Quote für Menschen mit einer körperlichen Behinderung.

Altersstruktur und Geschlecht

Die Altersstruktur der Leistungsberechtigten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung zeigt insbesondere bei den höheren Altersgruppen weiterhin eine Zunahme. Die Gruppe der 50- bis unter 60-Jährigen stellte 2015 zum ersten Mal die größte Altersklasse dar, ebenso in 2016 mit 25,8 Prozent. In 2007 lag der Anteil dieser Altersgruppe bei ca. 17 Prozent. In 2016 sind insgesamt 32,2 Prozent der Werkstatt-Beschäftigten 50 Jahre und älter (2015: 31,2 Prozent). Die Zahl der älteren WfbM-Beschäftigten wird entsprechend der demografischen Entwicklung auch in den kommenden Jahren noch weiter ansteigen.

41 Prozent der Leistungsberechtigten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung waren in 2016 weiblichen Geschlechts, 59 Prozent entsprechend männlich. Dieser Wert hat sich seit 2007 nicht verändert.

Wohnformen

Die Hälfte aller WfbM-Beschäftigten lebt ohne eine Unterstützung zum Wohnen durch die Eingliederungshilfe. In der Regel handelt es sich dabei um das Wohnen im eigenen Familien-verbund, z.B. bei den Eltern. Im Durchschnitt leben 18 Prozent der Werkstattbeschäftigten in der eigenen Wohnung mit ambulanter Unterstützung und rund ein Drittel im stationär betreuten Wohnen. Die mit über 40 Prozent deutlich über dem Durchschnitt liegenden Anteile in Mittelfranken, Oberbayern und Niedersachsen sind zum Teil mit Komplexeinrichtungen zu erklären, die Wohnen und Arbeiten in der Werkstatt zusammen anbieten.

Den kompletten und ausführlichen Kennzahlenvergleich Eingliederungshilfe 2016 der Bundesarbeitsgemeinschaft überörtlicher Sozialhilfeträger (BAGüS) finden Sie hier.

19. November 2018 // News, Politik